Mont Ventoux/Düsseldorf (RP). Erst wenn ein Deutscher um den Gesamtsieg kämpft, könnte hierzulande wieder große Begeisterung ausbrechen. Auf dem Mont Ventoux gewann der Brite Froome und baute seine Führung im Klassement aus.
Die Uhr am Ziel auf dem kahlen Mont Ventoux zeigt 10:42 Minuten, als Andreas Klöden die Ziellinie der längsten Tour-de-France-Etappe überquert. Der 39-Jährige ist schwer geschlagen. Mehr als zehn Minuten hat er auf Christopher Froome verloren eine Ewigkeit im Radsport. Als 38. des Tages ist er aber der beste Deutsche am Nationalfeiertag der Franzosen.
Der Brite Froome hat die prestigeträchtige Etappe als Solist gewonnen und angesichts von 4:14 Minuten Vorsprung im Gesamtklassement ist ihm der Sieg bei der 100. Frankreich-Rundfahrt kaum noch zu nehmen. Nach Bradley Wiggins 2012 gewinnt wohl wieder ein Radprofi aus dem Vereinigten Königreich. Froome ist damit der nächste in der Reihe von vermeintlich Außerirdischen, von denen es in dieser Sportart schon viel zu viele gegeben hat. Die jüngere Geschichte dieser Disziplin zwingt dazu, seine Attacken im Hochgebirge auch die schwerste Pyrenäenetappe hatte er eindrucksvoll für sich entschieden und seine Konstanz mit Skepsis zu betrachten.
Vielleicht ist es unter diesem Blickwinkel ganz gut, dass Deutschland nicht über so einen Ausnahmekönner verfügt. Zu frisch sind noch die Erinnerungen an die vermeintlich große Ära von Telekom/T-Mobile und Gerolsteiner. Zu bruchstückhaft sind die so genannten Geständnisse aus dieser Zeit. Und zu merkwürdig ist es, dass in Andreas Klöden ein Hauptdarsteller aus dieser Zeit immer noch unbehelligt und schweigend durch Frankreich radeln darf. Der Brandenburger, der wie so viele deutsche Radsportler in der Schweiz eine neue Heimat gefunden hat, ist als 36. mit 44:55 Minuten Rückstand auch im Gesamtklassement der beste Deutsche. Wegen seiner Qualitäten in den Bergen wird das nach der Rennpause heute auch wohl bis zum Schluss so bleiben, da noch die Alpen auf dem Programm stehen. Erst wenn Deutschland wieder einen halbwegs vertrauenswürdigen Athleten mit Chancen auf einen vorderen Rang im Gesamtklassement ins Rennen schickt, wird sich die breite Masse hierzulande möglicherweise wieder für den Radsport begeistern. Nach den fünf Etappensiegen für Marcel Kittel (3), André Greipel und Tony Martin spricht man international zwar von einer "Tour d'Allemagne". Das Interesse in Deutschland ist aber überschaubar. Eurosport meldete lediglich 859 000 Zuschauer in der Spitze.
Angesichts solcher Zahlen kommen auch ARD und ZDF nicht so schnell auf die Idee, sich um die Rechte an Live-Übertragungen zu bemühen. Die Erfolge der Sprinter Kittel, Greipel und John Degenkolb und des Zeitfahrspezialisten Tony Martin verdienen Respekt, genauso wie die Arbeit von Marcus Burghardt, Jens Voigt und Simon Geschke am Samstag in der Ausreißergruppe. Doch zu einem Ereignis wird die Tour über den Kreis der Radsport-Enthusiasten hinaus im auf Heroen fixierten Sportland Deutschland erst, wenn ein neuer Held das Publikum über Tage durch seine Leistungen und seine Persönlichkeit fasziniert. Und wenn es nicht nur um die 200 letzten Meter einer Etappe geht.
Tennis liefert das Beispiel. Die Anteilnahme an Sabine Lisickis Erfolgen kürzlich in Wimbledon war deshalb so groß, weil das Ereignis von Tag zu Tag an Wucht gewann. Dass Tennis ein überaus dopinganfälliger Sport ist und in den Hoch-Zeiten vor einem Vierteljahrhundert die Topstars rund um Steffi Graf eine enge Verbindung zu der auch von Andreas Klöden geschätzten Sportmedizin in Freiburg pflegten, spielte dabei übrigens keine Rolle.
Deutschland wartet weiter auf einen Klassementfahrer, der wie Lisicki ins Sommerloch des Fußballs stößt und die Menschen über Tage und vielleicht sogar Wochen vor die Fernseher zieht. Doch wer könnte das sein? Zu vage sind noch die Hoffnungen auf den 19-jährigen Berliner Silvio Herklotz, den die "Frankfurter Allgemeine" ins Gespräch brachte.
Konkreter sind Tony Martins Pläne, nach der WM im Herbst in Florenz das Körpergewicht zu reduzieren und sich langsam vom Zeitfahrer in Richtung eines Podiumsanwärters für die großen Rundfahrten zu entwickeln. Doch zum einen ist die Umschulung ein schwieriges Unterfangen, wie auch schon sein Schweizer Konkurrent Fabian Cancellara feststellen musste. Zum anderen ist Martin mit 28 nicht das frische, junge Gesicht, das die Massen anspricht.
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