In Köln fand neben der Gamescom am Wochenende der "VideoDay" statt, das mit nahezu 10.000 Teilnehmern größte Youtuber-Treffen Europas, angeblich sogar der Welt. Dass in der Lanxess-Arena erstmals auch der "Goldene Play-Button" verliehen wurde und dass die Branche seit zwei Jahren auch den Webvideopreis kennt, zeigt: Langsam aber sicher emanzipiert sich die Kultur des "User-generated-Content" von der reinen Währung der Klickzahlen und driftet hinüber ins Reich jurybeteiligter, distinktiver Zeichen, für das von Seiten des Journalismus traditionell das Feuilleton zuständig ist.
Das tat sich nach der Gründung der Videoplattform 2005 eine ganze Weile lang schwer, bevor es warm mit YouTube wurde. Die ersten Jahre war das Y-Wort in den Feuilletons notorisch mit der Wendung verbunden, dass ein bestimmtes Video so und soviel tausendmal geklickt, vornehmer auch: "aufgerufen" worden sei. Nie weit von diesen Hinweisen war die Rede von einem " viralen Phänomen", das man halb belustigt wie eine Bestsellerliste, halb pikiert wie eine Schriftstellerkarriere bei Books-on-Demand zu betrachten schienen.
Das hatte viel von der Distanz, die das Feuilleton noch Anfang und Mitte der Neunziger Jahre auch der Popkultur entgegenbrachte, und die es alle nicht kulturbetrieblich organisierten und legitimierten Kunstsparten bis heute überhaupt gerne spüren lässt. Nun ist gesunde Skepsis gegenüber der Dilettanten- und Do-it-yourself-Kultur ja auch angebracht. In der Masse steckt nur selten Klasse. Umgekehrt lieben wir alle aber auch schon immer die Selfmade-Erfolgsgeschichten. Die Kultur-Karrieren von Genies, die es wie Joanne K. Rowling von der Sozialhilfe zur Auflagen-Millionärin schafften. Das unverlangt eingesandte Manuskript, das zuerst kein Verlag haben wollte, bevor es zum Verkauftshit wurde ein Ur-Mythos der Bestseller-Kultur.
Auch wegen seiner Entdecker- und Wiederentdecker-Funktion hatte sich das Feuilleton dann eines Tages doch so in Youtube verliebt, so dass es sich geradezu gönnerhaft gab, wenn es schrieb: Wer jetzt noch nichts vom Gangnam-Style oder Harlem Shake gesehen, gehört oder gelesen hat, der lebt ja sowas von hinter dem Mond. Aber ich Feuilletonist bin ja so nett und verrate dir ausnahmsweise noch mal, was angesagt ist.
Dass man mit YouTube oder MySpace ganze Nächte verbringen kann, war jedenfalls ab ungefähr 2009 ein distinktives Hobby, von dem auch Kulturredakteure nicht mehr komplett lassen wollten, wenngleich ein Quantum Rest-Unsicherheit blieb, wie ironisch, tatsächlich affiziert oder doch kritisch abgefedert man sich dem Trash-Vergnügen hingeben dürfe. Zumal die Urheberrechtsfrage (Stichwort: Gema) im Raum stand.
Neben der Spaß-, Archiv- und Trashkultur traten auch politische und gesellschaftliche Dimensionen von YouTube-Videos in den Vordergrund. Ihre Bedeutung für die Beglaubigung von Revolten in Systemen staatlicher Zensur steht seit der grünen Revolution im Iran 2009 und dem arabischen Frühling von Tunesien bis Syrien außer Frage.
Infrage steht jedoch noch, inwieweit bestimmte Video-Genres, die sich bei YouTube etabliert haben, das Rezensionsfeuilleton alter Schule ersetzen. Ist das geschriebene Wort überhaupt noch erste Wahl, um sich etwa mit dem Computerspiel auseinanderzusetzen? Oder gelingt dies "Let's Play"-Youtubern mit ihren Demo-Videos nicht viel sachgerechter und dabei womöglich nicht weniger kritisch und unterhaltend zugleich, also im besten Sinne feuilletonistisch?
Und wo mit Y-Titty jetzt sogar Deutschlands erfolgreichste Youtuber im Feuilleton porträtiert werden und die "FAZ" sogar nochmal den Namen erklärt für alle, die nicht im Jargon zuhause sind (Y-Titty wie die schnell gesprochene Abkürzung von YouTube-Dummies YTD), fragt sich nur noch, ab wann "Youtuber" ein nominell anerkannter Beruf bei der Künstlersozialkasse wird. Bis jetzt müsste man sich im Fragebogen behördenbürokratisch entweder für Videokünstler oder Alleinunterhalter entscheiden.
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