miércoles, 24 de octubre de 2012

Armutszeugnis für Deutschland - DIE WELT

Sie können sich kein Auto leisten, die Heizung bleibt kalt, und Fleisch oder Fisch kommen nur selten auf den Tisch. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts waren im Jahr 2011 rund 5,3 Prozent der Bevölkerung in Deutschland von "erheblicher materieller Entbehrung" betroffen. Insgesamt litten in Deutschland 2011 rund 16 Millionen Menschen oder 19,9 Prozent der Bevölkerung unter Armut oder sozialer Ausgrenzung. Dazu zählen nach EU-Definition nicht nur die Menschen, die unter materieller Entbehrung leiden, sondern auch Haushalte mit geringer Erwerbsbeteiligung und Haushalte mit geringem Einkommen. Trifft eines oder mehrere dieser drei Kriterien zu, gilt der Haushalt als arm oder sozial ausgegrenzt. Die Europäische Union (EU) hat diesen komplexen Sozialindikator im Jahr 2005 eingeführt, um die Fortschritte der Europäischen Sozialpolitik bei der Verminderung von Armut zu messen. "Das Problem Armut ist vielschichtig", sagt Silvia Deckl vom Statistischen Bundesamt. Deshalb reiche es nicht aus, nur zu ermitteln, wer über oder unter einer bestimmten Einkommensschwelle liegt.

Üblicherweise gilt als Maß der Armut in einer Gesellschaft die Armutsgefährdungsquote. Diese Quote hatte das Bundesamt bereits in der vergangenen Woche bekannt gegeben. Sie war um 0,2 Prozentpunkte auf 15,8 Prozent gestiegen. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat - im Jahr 2010 lag die Armutsschwelle damit bei 952 Euro im Monat. Vor allem Arbeitslose und Alleinerziehende sind demzufolge armutsgefährdet. "Die Gefährdungsquote ist rein quantitativ", erklärt Deckl. "Wer zehn Euro mehr zur Verfügung hat, gilt dann schon nicht mehr als arm".

Es gibt noch mehr Zweifel an der Aussagekraft der Armutsgefährdungsquote. "Wer ein geringes Einkommen hat, muss nicht unbedingt arm sein, wenn er gut mit seinem Geld umgehen kann, über soziale Kontakte oder auch eigenes Vermögen verfügt", kritisiert Christoph Schröder, Armutsforscher des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. So ermittelte das IW, dass jeder sechste einkommensarme Erwachsene Vermögen in Form von Aktien, Sparbüchern oder Immobilien besitzt, von denen er mindestens zehn Jahre leben könne. Auffallend auch: bei der Armutsgefährdungsquote spielt die Größe des Haushalts eine entscheidende Rolle, wer arm ist oder nicht. Da durch das Zusammenleben Einspareffekte erzielt werden, liegt die Armutsschwelle etwa einer vierköpfigen Familie bei rund 2000 Euro und damit doppelt so hoch wie bei einem Alleinstehenden. Die Armutsgefährdungsquote von Familien liegt denn auch mit 8,7 Prozent deutlich niedriger als die von Alleinstehenden mit 36,1 Prozent. Das größte Armutsrisiko haben allerdings nicht Alleinlebende, sondern Arbeitslose. Ihre Quote liegt bei 67 Prozent.

Aber auch die subjektive Einschätzung der Betroffenen wird zur Armutsermittlung erhoben. Die Einstufung als Haushalt mit "erheblicher materieller Entbehrung" beruht auf einer Selbsteinschätzung der Befragten. Sind vier von neun Kriterien erfüllt - von Miet- und Heizungsproblemen wegen Geldmangels bis zu fehlendem Telefon oder Farbfernseher - liegt materielle Entbehrung vor. Das Statistische Bundesamt befragte mehr als 13.000 Haushalte. Der Anteil derjenigen, die ohne Waschmaschine, Farbfernsehgeräte oder Telefon auskommen muss, ist dabei in Deutschland mit 0,3 bis 0,5 Prozent denkbar gering.

Die größten Probleme bereitete es dagegen, unerwartete Ausgaben von 930 Euro aus eigenen Finanzmitteln zu bestreiten. Dies bejahte jeder dritte befragte Haushalt. Jeder fünfte Haushalt gab an, es sei nicht möglich einmal im Jahr eine Woche Urlaub woanders als zu Hause zu verbringen. Immerhin 8,8 Prozent können nicht einmal jeden zweiten Tag eine volle Mahlzeit einnehmen, weil das Geld fehlt.

Kritik an der amtlichen Armutsermittlung kommt von den Sozialverbänden. Der Indikator mit seinen subjektiven Angaben zum Thema Armut sage wenig aus, meint Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Verlässlicher, weil auf nachprüfbaren Fakten beruhend, sei die Armutsgefährdungsquote. Dort macht Schneider das eigentliche Problem aus. Seit sieben Jahren sei die Quote unverändert - "wir kommen davon nicht runter." Die gute Lage am Arbeitsmarkt habe nichts Entscheidendes gegen die Armut bewirkt.

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