Keine 200 Meter liegen zwischen dem Kerzenmeer vor dem Eiscafé "Lampe" und dem roten Backsteinbau im Herzen Berlins nahe des Alexanderplatzes. Der Ort ist zum Symbol geworden für eine Stadt, die ihre Bürger nicht mehr schützen kann. Dort, wo Blumen zwischen den Lichtern den Asphalt bedecken, wurde vor einer Woche der 20-jährige Jonny K. erschlagen.
Der junge Mann, Sohn einer Thailänderin und eines Deutschen, hatte eine Gruppe von jungen Männern angesprochen, die grundlos seinen betrunkenen Freund attackierten. Da prügelten sie ihn zu Tode nur wenige Schritte vom Roten Rathaus entfernt, dem politischen Zentrum der Stadt.
Die Rathausstraße, der Tatort, ist eine belebte Zone. Bars, Geschäfte und ein Mulitplex-Kino säumen den Weg. Auch nachts sind hier viele Touristen und Partygänger unterwegs.
Trotzdem hat die Polizei eine Woche gebraucht, um auf eine heiße Spur zu stoßen. Tatverdächtig sind fünf Männer mit türkischen Wurzeln und zum Teil deutscher Staatsbürgerschaft, die im nahe gelegenen Club "Cancun" bei der After-Show-Party eines türkischen Sängers feierten. Nach Angaben der "Berliner Zeitung" schließt die Polizei nicht aus, dass sich einige von ihnen in die Türkei abgesetzt haben.
Hells Angels in der U-Bahn
Vor den Kerzen am Tatort steht Lars Bindemann. "Krass", sagt der große sportliche Mann mit der blauen Baseballkappe. Dabei hat der gelernte Lackierer aus Berlin ganz in der Nähe selbst eine ähnliche Erfahrung gemacht. Nur dass er sie im Gegensatz zu Jonny K. überlebt hat.
Es geschah in der Nacht zum 4. März 2012: Lars Bindemann war mit Freunden in einer Bar gewesen. Um 3.45 Uhr wollte er mit einem Kumpel am Alexanderplatz mit der U-Bahn nach Hause fahren. In der Unterführung sahen sie zwei junge Männer, die zwei Frauen anpöbelten. "Lasst die Frauen in Ruhe, die wollen nichts von euch", rief Bindemann. Dann sah er den Blick in den Augen der Männer. Bindemann versuchte noch, zu fliehen, aber die Pöbler hatten sich bereits auf ihn und seinen Freund gestürzt.
Zwei Sicherheitsmänner der Verkehrsbetriebe waren zwar schnell zur Stelle. Doch als einer der Angreifer ein langes Messer zückte, flüchteten sie ebenso wie der Freund. "Da war ick Mode", sagt Lars Bindemann trocken. Nun galt die ganze Aufmerksamkeit der Angreifer ihm. Während der eine Bindemann in den Schwitzkasten nahm, stach der andere zu. Die insgesamt fünf Stiche verletzten die Leber und die Milz und zerschnitten den rechten Oberarm, mit dem Bindemann den Körper zu schützen versuchte.
Als der Notarzt eintraf, waren die Angreifer bereits geflüchtet. "Die wollten mich umbringen", glaubt Bindemann, der damals beinahe verblutet wäre. Eine Notoperation rettete sein Leben. Eine Woche später wurden die Täter gefasst. Es handelt sich um zwei Mitglieder der "Hells Angels", 22 und 26 Jahre alt.
Serie brutaler Übergriffe
Der Überfall auf Bindemann und die Prügelattacke gegen Jonny K. reihen sich in eine Serie brutaler Übergriffe im öffentlichen Raum. 24 Stunden vor der brutalen Attacke auf dem Alexanderplatz war ein 22-Jähriger im Nachbarstadtteil Schöneberg durch einen Schuss in den Bauch lebensgefährlich verletzt worden. Ein stark angetrunkener Mann hatte eine Gruppe junger Männer nach dem Weg gefragt. Als er keine Antwort bekam, feuerte der Unbekannte erst in die Luft und dann einmal in die Gruppe.
Zwei Wochen zuvor war ein geistig behinderter Hertha-Fan nach einem Fußballspiel am S-Bahnhof Olympiastadion beinahe erdrosselt worden. Unbekannte hatten ihn mit seinem Fanschal an ein Geländer geknotet. Der 31-Jährige war fast erstickt, als ihn die Polizei entdeckte.
Und im Frühjahr 2011 hatte ganz Deutschland über die Verrohung der Gesellschaft diskutiert: Am 23. April hatte der 18-jährige Gymnasiast Torben P. einen Mann im Berliner U-Bahnhof Friedrichstraße bewusstlos geschlagen und dann auf den Kopf des Opfer eingetreten. Fünf Monate später wurde P. wegen versuchten Totschlags zu zwei Jahren und zehn Monaten Jugendstrafe verurteilt.
Die Gewaltattacken beschränken sich nicht auf Berlin. Im Mai 2010 wurde ein 19-Jähriger im Hamburger S-Bahnhof Jungfernstieg von einem 16-jährigen Intensivtäter angepöbelt und niedergestochen. Er starb an den Folgen. Und in München wurde im September 2009 auf einem S-Bahnhof ein 50-jähriger Geschäftsmann, der eine Gruppe von Schülern schützen wollte, von zwei jungen Männer derart schwer angegriffen, dass er kurz danach an Herzversagen starb.
Statistik verzeichnet Rückgang der Delikte
Kriminologen geben dennoch Entwarnung: Die Statistiken verzeichnen keinen Anstieg der Gewalt, sondern das Gegenteil. Die Zahl der Fälle von vorsätzlichen Tötungsdelikten in Deutschland ist seit 2002 um ein Drittel zurückgegangen, von 914 auf 614. Durch Schusswaffen kamen 1995 noch 632 Menschen in Deutschland zu Tode, 2011 nur noch 132.
Das gilt auch für die Hauptstadt. 35 vollendete Mord- und Tötungsdelikte gab es in Berlin im vergangenen Jahr. Das ist der niedrigste Stand in der Geschichte der Stadt seit 1993. Damals waren es 120.
"Die gefühlte Kriminalitätstemperatur ist weit entfernt vom tatsächlichen Trend", sagt Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Nach Ansicht von Pfeiffer liegt das an einer veränderten Medienberichterstattung, die die Opfer in den Mittelpunkt stellt. Die Zunahme von Videoaufzeichnungen, die die Brutalität der Täter für die Öffentlichkeit sichtbar machen, täten ein Übriges.
Alkoholverbot und Überwachungskameras?
Der Geschäftsführer der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Berlin bezweifelt hingegen, dass die Zahlen aus der Statistik auf einen Rückgang der Gewalt zurückzuführen sind. "Wenn Sie 4000 Polizisten einsparen, werden natürlich weniger Straftaten registriert", sagt Klaus Eisenreich. Die Zahl der Straftaten habe sich nicht verändert. "Berlin war, ist und bleibt die Hauptstadt der Gewalt". Die Hemmschwelle der Täter sei in den vergangenen Jahren "absolut gesunken".
Tatsächlich ist das Risiko, in Berlin getötet zu werden, nach wie vor deutlich höher als in anderen Städten. Auf 100.000 Einwohner kommen hier 3,67 Tötungsdelikte; bundesweit sind es 2,66. Und nirgends ist die Aufklärungsquote bei Gewaltkriminalität niedriger als in Berlin. Während in Baden-Württemberg Mord- und Totschlagsfälle 2011 zu 100 Prozent aufgeklärt wurden, lag die Quote für Berlin bei 82,7 Prozent.
"Das ist eine Schwachstelle", sagt Christian Pfeiffer. "Wenn das Risiko, erwischt zu werden, sinkt, ist das eine Ermutigung für Täter." Der Kriminologe hält ein Alkoholverbot im öffentlichen Raum für "empfehlenswert". Sinnvoll sei auch der Einsatz von Überwachungskameras an Brennpunkten. "Das ist absolut zu empfehlen, insbesondere auch eine Überwachung in den Bahnhöfen und an Haltestellen", sagt Pfeiffer.
Im Fall des Berliners Lars Bindemann wurden die Täter rasch gefasst, weil eine Überwachungskamera die Tat aufgezeichnet hatte. Am Ort, an dem Jonny K. starb, gab es dagegen keine Videokontrolle.
"Ein neues Phänomen"
"Es gibt keine absolute Sicherheit", sagt Heinz Buschkowsky (SPD), Bürgermeister von Berlin Neukölln. "2000 Polizisten im öffentlichen Nahverkehr hätten diese Tat nicht verhindert, so viele Beamte sind es in London und trotzdem haben die ein riesiges Kriminalitätsproblem."
Hilfreich findet Buschkowsky einen Vorschlag, den der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit einmal gemacht hat. "Man könnte für 30 Cent mehr pro Fahrschein die U-Bahn absolut sicher machen und Sicherheitspersonal einstellen. Wenn es einen Brennpunkt gibt, wie den Alexanderplatz mit ständigen Alkoholexzessen, muss man etwas tun."
Immer häufiger erlebt Buschkowsky bei kriminellen Jugendlichen einen latenten Tötungswillen. "Das ist ein neues Phänomen", sagt er. "Wenn jemand mit Springerstiefeln auf den Kopf eines anderen springt, nimmt er dessen Ableben in Kauf. Das ist es, was mich so erschüttert."
"Fühle mich im Stich gelassen"
Und was wird aus den Opfern? Der Berliner Lackierer Lars Bindemann war vor dem Angriff selbstständig. Heute lebt er von Hartz IV und hadert mit dem Jobcenter, weil dieses immer wieder neue Papiere anfordert, um den Grad seiner Arbeitsunfähigkeit festzustellen.
Häufig schmerzt sein völlig vernarbter rechter Oberarm, aber er war vor dem Überfall nicht krankenversichert, und jetzt will ihn mit seinen Verletzungen keine Versicherung mehr aufnehmen. Ohne Versicherung aber kein Arzt. "Ich fühle mich von Vater Staat im Stich gelassen", sagt Bindemann.
Dank des Opfervereins "Weißer Ring" hat er zumindest eine Anwältin, mit deren Hilfe er die Täter auf Schadenersatz verklagt hat. Wenigstens psychisch hat er die Tat gut überstanden. Kein einziges Mal hat Bindemann von dem Angriff geträumt.
- Moskau
In den 90er-Jahren waren in Moskau die Schießereien und Auseinandersetzungen zwischen Banden keine Seltenheit. Diese Zeiten sind vorbei, doch wirklich sicher ist Moskau mit seinen dunklen Seitenstraßen nicht. Am gefährlichsten sind die Plattenbaubezirke im Süden oder Osten der Stadt. Aber auch die Touristenmeile Arbat gehört zu den Bezirken mit der höchsten Verbrechensstatistik. Offiziell werden in Moskau jeden Tag durchschnittlich 261 Diebstähle, knapp 35 Raubüberfälle und 1,3 Morde registriert. Die realen Zahlen sind höher, denn nicht jeder wendet sich an die Polizei. Insgesamt liegt die Aufklärungsquote in den ersten sechs Monaten 2012 lediglich bei 32 Prozent. Die Miliz heißt jetzt zwar wie im Westen Polizei, aber die Korruption ist geblieben. Im Stadtbild ist die Polizei sehr präsent. Das hat aber mit den politischen Demonstrationen zu tun die Moskauer werden nicht vor Taschendieben, sondern vor Oppositionellen geschützt.
- London
Die Zeiten sind vorbei, in denen man in vielen Londoner Randbezirken um sein Leben fürchten musste. Zu reich ist die Stadt geworden, die Gentrifizierung schreitet gerade im traditionell armen East End immer weiter voran. Trotzdem sind die jüngsten Kriminalitätsstatistiken beunruhigend. Im vergangenen Jahr sanken die Aufklärungsraten von Morden und versuchten Morden in London um zehn Prozent. Auch Täter von Messerstechereien, Vergewaltigungen und Raubüberfällen werden deutlich seltener zur Rechenschaft gezogen. Insgesamt konnte die Londoner Metropolitan Police zuletzt nur 32,7 Prozent aller Gewaltverbrechen aufklären. Grund für die schlechten Ermittlungsergebnisse sind in erster Linie die Sparpläne von Premierminister David Cameron. Allein die Londoner Polizei soll bis 2015 insgesamt 500 Millionen Pfund (615 Millionen Euro) einsparen. Über 1400 uniformierte Polizisten verloren seit der Wahl ihren Job und so wird es weitergehen.
- New York
New York, so könnte man sagen, ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Der Times Square etwa, wo einst Schmuddelkinos Pornofilme zeigten und Crackhuren nach Freiern fischten, ist längst aufgeräumt, eine familienfreundliche Touristenattraktion. Und niemand erklärt dem Reisenden mehr die Regeln, die einst für muggings", Raubüberfälle, galten (führe nicht allzu viel Geld bei dir, aber doch genug, damit du im Falle eines Falles nicht ohne Bares dastehst, sonst knallt der Räuber dich aus Wut über den Haufen). New York ist aufgeblüht. Seit 1990 ist die Verbrechensrate kontinuierlich gesunken; für das Jahr 2011 führt das NYPD die New Yorker Polizeibehörde gerade mal 545 Morde auf (bei einer Bevölkerung von offiziell etwa acht Millionen Menschen). Das ist sogar im Vergleich mit anderen amerikanischen Großstädten eine kleine Zahl, aber auch dort in Los Angeles etwa hat sich die Verbrechensrate drastisch verringert. Angestiegen ist in New York allerdings die Zahl der Banküberfälle. Wie viele Verbrechen das NYPD aufklärt, ist nicht bekannt; die Behörde weigert sich, diese Statistiken herauszurücken.
- Paris
Paris hat momentan eher geringe Aussichten, sich als Hauptstadt des Verbrechens einen Namen zu machen. Die gefühlte Insécurité" ist relativ gering. Die Wahrscheinlichkeit, etwa von einer Kalaschnikow-Salve auf einer Caféterrasse erwischt zu werden, scheint niedriger zu sein als etwa in Marseille. In den vier Départements der Region Paris ist die Zahl der Gewalttaten im vergangenen Jahr um 2,13 Prozent zurückgegangen. Die Aufklärungsquote steigt seit Jahren kontinuierlich an und lag 2011 bei 38,5 Prozent. Durch die Erweiterung der Videoüberwachung soll diese Quote weiter gesteigert werden. Aufsehenerregende Fälle gab es in letzter Zeit kaum. Für Schlagzeilen sorgten gelegentliche Überfälle auf chinesische Geschäftsleute im Viertel Belleville sowie die Kooperation der Pariser Polizei mit rumänischen Ermittlern, um dem Problem organisierter Diebstähle durch Roma-Kinder ansatzweise Herr zu werden.
No hay comentarios:
Publicar un comentario