jueves, 18 de octubre de 2012

Löws Position ist geschwächt - Frankfurter Rundschau

Der verpasste Sieg in einem denkwürdigen Fußballspiel gegen Schweden schwächt die Position des Bundestrainers Joachim Löw. Der brillanteste Offensivfußball nützt nichts, wenn die Abwehr versagt.

Berlin –  

Es war der argentinische Fußballtrainer Carlos Bilardo, der einst den markanten Satz prägte: „Mit elf Maradonas wirst du nicht Weltmeister." Ihm reichte 1986 in Mexiko ein einziger Maradona zum Titelgewinn, dennoch war die Bemerkung natürlich grober Unfug. Schließlich galt der begnadete Ballzauberer trotz seiner überschaubaren Größe sogar als passabler Torwart und hätte sicher nicht mehr Bälle fallen gelassen als der deutsche Nationalkeeper Manuel Neuer am Dienstag beim für die Gastgeber traurigen, für den Rest der Welt äußerst unterhaltsamen 4:4 gegen Schweden. Dennoch ließ das WM-Qualifikationsmatch gegen die Skandinavier im Berliner Olympiastadion ahnen, was Bilardo meinte: Der brillanteste Offensivfußball nützt nichts, wenn die Abwehr versagt.

Es war schlicht phänomenal, was die deutsche Mannschaft in den ersten 60 Minuten gegen die Schweden an Spektakel bot. Betörendes Kombinationsspiel, fantastische Ballsicherheit, vier blitzsauber herausgespielte Tore und eine Defensive, die nie in Gefahr geriet, weil der Gegner kaum den Ball hatte. Wenn sich nicht Vergleiche über die Jahrzehnte verbieten würden, müsste man schon das bundesdeutsche Europameister-Team von 1972 mit Franz Beckenbauer, Günter Netzer und Gerd Müller als Beispiel für eine Mannschaft heranziehen, die ähnlich exquisit Fußball spielte.

60 überragende Minuten

„Das deutsche Team der ersten Halbzeit war die beste Mannschaft, gegen die ich jemals gespielt habe – bei Weitem", sagte der erfahrene schwedische Abwehrhüne Jonas Olsson, der bei West Bromwich Albion in der englischen Premier League aktiv ist. Bundestrainer Joachim Löw konnte auch erklären warum: „Wir waren 60 Minuten lang überragend, was Kombinationen, Torabschluss, Disziplin und Ordnung angeht." Nicht erklären konnte er, was dann geschah. Aber das konnte niemand.

„Bei dem 4:1 ist etwas passiert", sagte Schwedens Coach Erik Hamrén. Was genau, konnte aber auch er nicht benennen. Fast aus heiterem Himmel hatte Superstürmer Zlatan Ibrahimovic, bis dahin kaum aufgefallen, den Ball in der 62. Minute ins Tor von Neuer und damit mitten in die deutsche Fußballherrlichkeit geköpft. Fünf Minuten zuvor hatte Özil das 4:0 erzielt, und danach war die Mannschaft vielleicht ein bisschen zu entspannt ans Werk gegangen, so, wie es manchmal Tennisspieler tun, wenn sie im entscheidenden Satz 5:0 führen. Auch für diese gibt es häufig ein böses Erwachen, wenn der Kontrahent plötzlich wieder im Spiel ist und Punkt für Punkt aufholt.

Gut dabei - Marco Reus: Leitete über links das 1:0 und 2:0 ein. Wieder eine ganz starke Leistung, brachte seine Gegenspieler phasenweise an den Rand der Verzweiflung. In der zweiten Halbzeit abgetaucht.

Foto: dpa

Gut dabei - Jerome Boateng: Spielte wie schon in Irland auf der rechten Abwehrseite, seine Flanken sorgten anfangs häufig für Gefahr. Lange mehr Rechtsaußen als Verteidiger. Ließ wie die gesamte Mannschaft nach einer Stunde mächtig nach.

Foto: dpa

Gut dabei - Mesut Özil: Zunächst der unauffälligste der deutschen Kreativspieler, dann von Minute zu Minute besser. Immer für einen genialen Moment gut, besonders sehenswert war sein Hackentrick auf Müller (51.). Erzielte das 4:0.

Foto: REUTERS

Ganz okay - Thomas Müller: An drei Toren war der Münchner beteiligt. Eröffnete das Spiel mit einer riesigen Doppelchance. Mit seiner staksigen Art gewohnt gefährlich, jedoch vor dem Tor nicht kaltschnäuzig. Seit über 800 Minuten ist Müller nun torlos.

Foto: dpa

Ganz okay - Philipp Lahm: Nach Gelbsperre zurück im Team - und auf links, weil Marcel Schmelzer verletzt fehlte. Viele Vorstöße, exzellent im Zusammenspiel mit Marco Reus. In der zweiten Halbzeit allerdings in der Bredouille, weil Ibrahimovic auf seiner Seite aufdrehte. Bei Schwedens Aufholjagd wurde auch er ausgespielt.

Foto: dpa

So lala - Toni Kroos: Ein wichtiges Rädchen in der zunächst perfekt abgestimmten deutschen Kombinationsmaschine. Sami Khedira, den Kroos ersetzte, wurde allerdings nach der Pause als Stabilisator vermisst. Am Ende fehlte Kroos die Kampfkraft des Real-Stars.

Foto: dapd

So lala - Bastian Schweinsteiger: Dominant und zweikampfstark im Mittelfeld. Trieb das Spiel immer wieder nach vorne, überließ jedoch das Zaubern den anderen. Hin und wieder mit schmerzhaften Ballverlusten. Als Schweden aufdrehte, konnte auch der Vize-Kapitän die Ordnung nicht retten.

Foto: dapd

So lala - Per Mertesacker: Lange sicher im Zweikampf und in der Spieleröffnung - und zur Krönung Torschütze: Das 3:0 war sein zweiter Treffer im 84. Länderspiel. Die Gegentore trübten das Bild auch bei ihm. Am Ende lag die Abwehr-„Latte" verzweifelt am Boden.

Foto: Bongarts/Getty Images

Schwächelnd - Manuel Neuer: Erst kaum beschäftigt, dann so oft wie noch nie in einem Länderspiel bezwungen. Auch ihn steckte das Abwehr-Chaos am Ende an. Beim 4:2 aus kurzer Distanz getunnelt. In der 85. Minute beinahe Verursacher des 4:4.

Foto: AFP

Schwächelnd - Holger Badstuber: Der Unsicherheitsfaktor in der deutschen Abwehr. Ließ Zlatan Ibrahimovic nur einmal aus den Augen, und sofort lag der Ball im Tor. Unterlief vor dem 4:2 eine Flanke. Stand neben Elmander, als der den Ball zum 4:3 ins Tor spitzelte.

Foto: dapd

Zu spät gekommen - Mario Götze: Kam nach dem 4:2 in einer kniffligen Phase für Müller ins Spiel. Bekam keine Gelegenheit mehr, zu glänzen.

Foto: AFP

Zu spät gekommen - Lukas Podolski: Kam für den nach der zweiten Gelben Karte in Kasachstan gesperrten Reus (88.). Der taktische Wechsel von Löw brachte nichts.

Foto: dapd

Gut dabei - Miroslav Klose: Zwei Chancen, zwei Tore - eine perfekte erste Viertelstunde. Noch ein Tor vom Rekord des legendären Gerd Müller (68) entfernt. Grätschte sogar an der eigenen Eckfahne. Am Ende ging ihm wohl die Kraft aus.

Foto: dpa

Die Schweden taten das Ihre, um die Deutschen zu verunsichern. Als diese noch versuchten, den Gegentreffer als kleinen Ausrutscher einzuordnen, schnappte sich Torschütze Ibrahimovic den Ball, rannte zum Anstoßpunkt und legte ihn dort nieder. Die Botschaft war klar: „Wir wollen mehr." Daran, die Niederlage noch abwenden zu können, hatte keiner der Schweden geglaubt, wie sie hinterher einhellig versicherten. „Puuh, 0:4 in Berlin, härter kann es nicht werden", sagte Olsson. Aber, so Angreifer Rasmus Elm, „wir wollten wenigstens die zweite Halbzeit gewinnen." Und in der stand es nach Ibrahimovics Kopfball 1:1.

Plötzlich begannen die Schweden, Fußball zu spielen. Und die Deutschen hörten damit auf. „In den letzten 30 Minuten haben wir vieles falsch gemacht", bemerkte Löw, „wir haben die Bälle verloren, waren nervös, haben die Ordnung nicht mehr herstellen können, plötzlich lange Bälle geschlagen." Warum das alles? „Ich kann es nicht erklären", sagte der Bundestrainer mit belegter Stimme.

Und dann das Abwehrdebakel

Für Löw war das Remis eine doppelte Katastrophe. Zum einen wird dadurch die Qualifikation für die WM 2014 in Brasilien, die fast schon gelöst schien, wieder kompliziert. Zum anderen werden die lästigen Diskussionen um Trainer, Taktik, Mannschaftsgefüge, Atmosphäre und Umfeld weitergeführt werden. Und dabei wird es nicht um den bezaubernden Fußball der ersten Halbzeit gehen, sondern um das Abwehrdebakel am Ende. Ein klarer Sieg gegen Schweden wäre ein Befreiungsschlag für Löw gewesen, und die Art und Weise, wie lange Zeit gespielt wurde, der Beweis, dass seine Vorstellung von Fußball funktioniert und das Aus im EM-Halbfinale gegen Italien nur ein kleiner Unfall war. Das Dr. Jekyll-und-Mr.-Hyde-Drama von Berlin wird die Debatten jedoch wieder anfachen und vor allem den Ruf nach einem robusten Anführer, wie ihn die Schweden in Ibrahimovic haben, erneut laut werden lassen. Der Kapitän, Philipp Lahm, ist es nicht, Bastian Schweinsteiger, das hat man am Dienstag gesehen, ist es auch nicht, und Real Madrids Sami Khedira, der es vielleicht werden könnte, war verletzt und wurde schwer vermisst.

„Áftonbladet" (Schweden): „Schweden braucht kein neues Nationalstadion in Stockholm. Wir haben schon eins in Berlin, wo wir von der Bahre wieder auferstanden sind. Das war wie ein Traum."

Der Zusammenbruch nach der ersten leichten Gegenwehr eines eigentlich erledigten Gegners zeigt, dass Löws Team in entscheidenden Momenten die Balance fehlt. Die ehrenwerte Festlegung auf attraktiven Angriffsfußball bringt zwar wunderbare Spielzüge hervor, vor allem über die gegen Schweden herausragenden Mesut Özil und Marco Reus, mit gelegentlicher Beteiligung von Thomas Müller, Toni Kroos, Lahm, Jerome Boateng und Miroslav Klose; sie birgt aber Gefahren, wenn die Intensität nachlässt und das Vertrauen schwindet. Wenn es eines Beweises für die vom Bundestrainer immer wieder geäußerte These bedurfte, dass Verteidigung ganz vorne beginnt, dann lieferte ihn diese Partie. Als in der gegnerischen Hälfte die Bälle nicht mehr gewonnen und behauptet wurden, alle „einen Schritt weniger machten", wie Schweinsteiger und Kroos übereinstimmend erklärten, zeigte sich, welche Defizite beim deutschen Team in den hinteren Bereichen bestehen.

Das defensive Mittelfeld mit Schweinsteiger und Kroos war nun überfordert, Özil bekam kaum noch Bälle, Verteidiger Boateng wurde ein ums andere Mal überlaufen, in der Mitte gab Holger Badstuber, an den ersten drei Gegentreffern direkt beteiligt, ein Bild des Jammers ab, und Torhüter Neuer war ein ständiger Unsicherheitsfaktor. Zudem sandte der Bayern-Keeper mit aufreizendem Zeitschinden schon nach dem Treffer zum 1:4 das völlig falsche Signal aus. „Sie haben ein bisschen Angst bekommen", sagte Hamrén, Neuers Vorgehen ließ dies allseits sichtbar werden. Gebracht hat die Verzögerungstaktik nichts, es folgten wilde Angriffe der Schweden und die Tore von Mikael Lustig (64.), Johan Elmander (76.) und, in der Nachspielzeit, Elm zum 4:4.

Ungemütlicher Winter

Löws Fußball setzt Selbstvertrauen und den Glauben an die eigenen Stärken voraus, doch im Moment reicht ein simpler Gegentreffer, um das komplizierte Gefüge zum Einsturz zu bringen. Das war schon bei der EM so, vor allem gegen Italien, dass es aber auch bei einer souveränen 4:0-Führung in einem Heimspiel funktioniert, ist besorgniserregend. Zumal nach dem Spektakel von Berlin nun alle Welt die Verwundbarkeit der DFB-Elf kennt. Auch die Niederländer, die am 14. November beim Testspiel in Amsterdam der letzte Gegner des Jahres sein werden, mit ihrem neuen Trainer Louis van Gaal gut drauf sind und Löw einen ungemütlichen Winter bereiten könnten.

Der Bundestrainer hatte der Demontage seines Teams wütend, aber hilflos zugeschaut. „Es ist von außen schwierig, den richtigen Einfluss zu nehmen", sagte Löw, „die Partie ist aus dem Ruder gelaufen." Noch lange nach Spielschluss waren die Beteiligten bemüht, Parallelen zu dieser bizarren Partie zu finden. Lahm fühlte sich an das Champions-League-Finale 2005 in Istanbul erinnert, als der FC Liverpool ein 0:3 gegen den AC Mailand drehte und den Cup gewann. Zlatan Ibrahimovic bediente sich lieber bei einer anderen Sportart und erzählte vom schwedischen Eishockeyteam, das bei der WM einmal ein 1:5 gegen Finnland noch in einen 6:5-Sieg verwandelt habe. Für Jonas Olsson war es schlicht „das größte Spiel, in dem ich je stand, und ein großer Moment in der Geschichte Schwedens."

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