sábado, 26 de enero de 2013

#Aufschrei auf Twitter: "Männer nehmen den alltäglichen Sexismus gar nicht wahr" - Spiegel Online

Hamburg - Auf Twitter tobt zurzeit der #Aufschrei vieler Frauen ber den alltglichen Sexismus. Angestoen wurde die Aufschrei-Diskussion von zwei Nutzerinnen. Am Donnerstagabend hatte Nicole von Horst (@vonhorst) angefangen, sexistische Erlebnisse zu twittern. Anne Wizorek (@marthadear) stieg ein, schlug das Hashtag #Aufschrei vor, seitdem sprudeln die Berichte Tausender weiblicher Twitterer ber ihre Erfahrungen. Wir haben Anne Wizorek (31), nach eigenen Angaben "Nerdette mit Wohnsitz Internet und Berlin" und freie Beraterin fr digitale Strategien und Online-Kommunikation, Nicole von Horst (25), und Kathy Memer (29), die den #Aufschrei als @totalreflexion frh zu ihrer Sache machte, gefragt, was es mit dem Twitter-Aufstand auf sich hat.

SPIEGEL ONLINE: Auf Twitter gibt es unter dem Hashtag #Aufschrei einen Aufstand vieler Frauen ber alltglichen Sexismus. Wir haben das Jahr 2013 - muss das berhaupt noch sein?

Anne Wizorek: Man sieht ja das Redebedrfnis der Frauen auf Twitter. Alltagssexismus ist in vollem Gange. Leider wird das Thema noch immer unter den Teppich gekehrt oder als nicht besprechenswert empfunden. Das belastet viele Frauen. Klar mssen wir darber reden und zwar nachhaltig.

Nicole von Horst: Natrlich muss ein Aufschrei gegen Sexismus und bergriffe 2013 noch sein, weil das auch 2013 Alltag fr die Mehrheit der Frauen ist. Wie man an den Reaktionen der meisten Mnner sieht, ist das nicht in deren Bewusstsein, weil sie nicht davon betroffen sind. Der Aufschrei ist notwendig, um mit der Scham umgehen zu knnen, die diese bergriffe verursachen, einander zu zeigen, dass man nicht allein damit ist, und dass das, was man fr Normalitt hielt, Sexismus ist.

SPIEGEL ONLINE: Das Hashtag #Aufschrei stammt von Ihnen. Haben Sie die Tausenden Reaktionen auf Twitter erwartet?

Nicole von Horst: Das Hashtag, das unseren nchtlichen Tweets eine berschrift gab, hat sich entwickelt und verselbstndigt. Es war keine geplante Aktion. Umso mehr bin ich von den Reaktionen und Geschichten beeindruckt und berwltigt. Gestern las ich den Text von @ruhepuls ber ihre Angst vor Sexismus, Street Harassment und Gewalt in Berlin. Ich rgerte mich, dass ihre Glaubwrdigkeit angezweifelt wurde. Ich habe ber eigene Erfahrungen nachgedacht, bei denen die Sorge um Glaubwrdigkeit es mir nicht mglich gemacht hat, sie ohne Scham zu erzhlen. Dann twitterte ich, woran ich mich erinnerte, andere machten mit, fhrten das fort. So wurde aus meinen Tweets eine gemeinsame Sache, ein kollektives Teilen. Das soll weitergehen.

Anne Wizorek: Auf unseren Blogpost von @ruhepuls gab es viele positive Reaktionen: Dass es eben nicht normal ist, Sexismus hinnehmen zu mssen. Deswegen mssen wir etwas ndern. Nicht Frauen sollen sich anpassen, sich nicht auf bestimmte Kleidung beschrnken oder zu bestimmten Uhrzeiten nicht mehr vor die Tr gehen. Die Verantwortung liegt hier vor allem auf mnnlicher Seite: Es ist eine Mischung aus Machtspiel und der Tatsache, dass viele gar nicht wissen, was kleine, blde Bemerkungen anrichten knnen. Die Tweets von @vonhorst zu unserem Blogpost sollten nicht einfach so verpuffen, also haben wir sie unter dem Hashtag #Aufschrei gesammelt - hnlich dem #shoutingback in Grobritannien. Ich hatte mir schon immer gewnscht, dass es so etwas auch fr den deutschen Sprachraum gibt. Dieses Gefhl der Gemeinschaft bei Twitter hilft sicher vielen.

Kathy Memer: Fr mich waren die Auslser die Artikel von Annett Meiritz und Laura Himmelreich ber Sexismus im Verhltnis von Journalisten und Politikern. Ich habe bei der SPD gearbeitet. Eine meiner ersten Erfahrungen im politischen Berlin war, dass mir ein Journalist sagte: "Wir checken dich jetzt ab. Du bist jetzt Frischfleisch." In einer Gruppe von zehn Mnnern fhlt man sich dabei wie auf dem Viehmarkt.

SPIEGEL ONLINE: Frauen berichten in 140 Zeichen ber die Anzglichkeiten ihrer Chefs, Anmachversuche in der U-Bahn oder gar sexuelle bergriffe. Welche Tweets haben Sie bisher am meisten bewegt?

Anne Wizorek: Die bewegen mich alle, auch wenn sie unterschiedlich schlimme Erlebnisse schildern. Was sehr deutlich wurde, ist, dass viele schon in sehr jungen Jahren in ihrem Selbstvertrauen erschttert werden. Wenn etwa Lehrer sexistische Bemerkungen machen wie "Mdchen sind zu doof fr Mathe".

Nicole von Horst: Viele Tweets erzhlen hnliche Erfahrungen, von alltglichen Unsicherheiten hin zu Vergewaltigungen und sexualisierter Gewalt im ffentlichen Raum. Berhrt hat mich, dass eine Twitterin schrieb, sie habe durch unsere Tweets nicht mehr das Gefhl mit ihren Erlebnissen allein zu sein.

Kathy Memer: Am meisten hat mich ein Tweet von @frequenzen berhrt, die darber twitterte, dass ein Mann sie erst vergewaltigt und dann getrstet hat. Das ist hart. Ich fr meinen Teil kann nur den Alltagssexismus twittern, aber nicht ber die wirklich schlimmen Dinge, die mir passiert sind.

SPIEGEL ONLINE: Was muss sich denn Ihrer Meinung nach ndern, damit kein #Aufschrei mehr ntig ist?

Kathy Memer: Bitte keine Herrenwitze mehr - und auch nicht darber lachen. Das sind kleine Anfnge. Am wichtigsten finde ich, dass man Frauen, wenn sie ber Sexismus berichten, ernst nimmt, zuhrt, ihre Aussage nicht abwertet, nicht die Belstigung verteidigt, den Vorfall nicht abschwcht.

Nicole von Horst: Damit kein #Aufschrei mehr ntig ist, muss sich unsere Kultur von einer Rape Culture hin zu einer Consent Culture entwickeln. Konkret geht es darum, die strafrechtliche Verfolgung von sexueller Gewalt zu verbessern und den Paragrafen 177 StGB zu sexueller Ntigung und Vergewaltigung so zu ndern, dass nicht mehr "Gewalt" nachgewiesen werden muss, um Sexualverkehr gegen den Willen einer Person als Vergewaltigung zu ahnden.

Anne Wizorek: Wir brauchen eine Mischung aus Politik, die strker Verantwortung bernimmt, und generellen nderungen in der Gesellschaft. Die Frauenquote etwa wre eine Mglichkeit, die Arbeitsbedingungen von Frauen zu verbessern. Es macht doch einen Unterschied, ob ich mich im Fall sexueller Belstigung an meine Chefin wenden kann oder mit dem Chef reden muss. Das Old-Boys-Network muss aufgebrochen werden. Gesellschaftlich mssen wir Menschen dafr sensibilisieren, dass Frauen etwa nicht einfach angesprochen werden wollen, blo weil sie drauen herumlaufen. Es gibt keine "Berechtigung", bergriffig zu werden. Deswegen sind Berichte darber so wichtig, die das ganze Bild zeigen. Mnner gehen sonst durch ihre eigene Welt und nehmen den alltglichen Sexismus gar nicht wahr. Die meisten Mnner sind ja jetzt geschockt von unserem #Aufschrei.

Die Fragen stellte Vera Kmper

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