Seit seinem Amtsantritt im April 2005 war Benedikt XVI. einer, an dem sich die Geister schieden. Das Wir-sind-Papst-Gefhl von damals ist lange verflogen. Bei allem Respekt vor dem ersten freiwilligen Rcktritt eines Papstes seit Hunderten von Jahren: Der deutsche Papst hat in den acht Jahren seiner Amtszeit die Kirche in Deutschland mehr polarisiert als geeint.
Wo Benedikt draufstand, war immer noch Joseph Ratzinger, der konservative Theologieprofessor, drin. Benedikt war nicht der Brckenbauer, der Pontifex Maximus. Hierzulande zerfiel seine Kirche nach seiner Wahl immer mehr in zwei Fraktionen. Auf der einen Seite die enttuschten Anhnger des berflligen Reformkurses, die heute als "Konzilspriester" oder "liberale Laien" geschmht werden. Auf der anderen Seite die Fundamentalisten, Anhnger der Tradition, die selbsternannten Glaubenswchter, die die Zeit bis vor das Zweite Vatikanische Konzil zurckdrehen wollen. Sie suchen das Heil in der Vergangenheit der Kirche, wollen Autoritt und Hierarchie.
Manche sprechen hierzulande bereits von einem Schisma, einer Kirchenspaltung, die sich lngst innerhalb der Bischofskonferenz eingestellt hat. Papst Benedikt XVI. hat in seiner Amtszeit den rckwrtsgewandten Katholikenflgel mit seinen teils obskuren Splittergruppen sogar mehr beflgelt und gefrdert als sein Vorgnger - ob mit dem Zugehen auf die Piusbrder, seiner Schelte fr abtrnnige Theologen oder seiner Liebe zu tridentinischen Messen. Seine Bemhungen im weltweiten Missbrauchsskandal kamen zu zgerlich und spt. Weder in den USA noch in Irland oder Deutschland ist es ihm und seinen Bischfen gelungen, das verlorengegangene Vertrauen wieder zurckzugewinnen.
"Professor Papst" sorgte fr Misstrauen
Das Ansehen der Kirche in Deutschland ist ausgerechnet unter einem deutschen Papst zu Beginn des Jahres 2013 auf einem Tiefpunkt angekommen. Selbst der Kern der treuen Katholiken misstraut laut Sinus-Studie ihren eigenen Bischfen. Der einst gelobte "Feingeist" an der Spitze der Kirche gerierte zum "Professor Papst", der auch international von einer unglcklichen uerung, von einem ungeschickten Auftritt zum nchsten stolperte. Ein Mann wie Joseph Ratzinger, das haben selbst enge Freunde und einstige Weggefhrten gesagt, ist offenbar nicht dafr geschaffen, eine Gemeinschaft von einer Milliarde Menschen zu leiten.
Fr die Dunkelkatholiken in Deutschland war er der mchtige Gleichgesinnte im Hintergrund. Wer auch immer katholische Krankenhuser heimlich auf Linie testete, wer mit Tonband konspirativ die Predigt seines Pfarrers mitschnitt, wer einen Theologieprofessor in Rom anschwrzte - die selbsternannten Glaubenswchter schickten Benedikt und seinem Sekretr Georg Gnswein ihre Denunziationen stets direkt zu. Sie wussten, dass ein solches Vorgehen fr die von ihnen verteufelten Katholiken oft zu bitteren Konsequenzen fhren konnte.
Eine Chance, sich aus Erstarrung zu lsen
Mit dem Rcktritt Benedikts werden die Karten nun aber neu gemischt. Sicher in Grenzen, aber die Krftefelder knnten sich verschieben, wenn ein anderer Papst, womglich aus einem anderen Kontinent, schon zu Ostern vom Petersdom die Welt segnet.
Der Papst hat allerdings ein wenig mit seiner Personalpolitik dafr gesorgt, dass sein Kurs von Rom aus weitergeht. Vor allem durch den frheren Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Mller. Als Chef der Glaubenskongregation ist Mller der raubeinige Garant eines streng orthodoxen Kurses in zentraler Position im Vatikans.
Seinen Sekretr Gnswein hat Benedikt noch krzlich erst zum Bischof befrdert. Er empfiehlt sich nun fr ein Bistum in Deutschland - womglich als Nachfolger von Kardinal Joachim Meisner in Kln.
Bei allem Respekt fr die berraschende Entscheidung eines 85-jhrigen kranken und schwachen Mannes: Ein Ende der ra Ratzinger ist von vielen in Deutschland erhofft worden, egal wie der nchste Papst sein mag. Ob sich die deutschen Bischfe dann mehr als bisher trauen, einen selbstndigeren katholischen Weg zu gehen, ist offen. Sie knnen mehr wagen, wenn sie es denn wollen.
Der Rcktritt Benedikts ist fr die Kirche auch eine neue Chance, sich aus Erstarrung und Bevormundung zu lsen. Es knnte ein Anlauf sein, aus der tiefen Krise endlich herauszukommen.
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